„Mama, bitte verzell mir wo ni bi äs chlins Bebe gsi“, bettelt das grosse Mädchen und kuschelt sich dabei an mich. Sie schaut mich erwartungsvoll an, mit einer gewissen Vorfreude, ich sehe sie in ihren Augen glitzern. Also öffne ich die volle Erinnerungstasche und wir kramen darin. Ich kenne die Geschichten, die sie ganz besonders mag, und gemeinsam holen wir sie heraus. Sie sind etwas zerknittert, also streiche ich sie sorgfältig glatt. 

Dann weben wir aus ihnen einen bunten, robusten Stoff und lassen uns hinein plumpsen, wie in eine kühle Hängematte an einem heissen Sommertag. Zusammen schaukeln wir, hin und her, her und hin, und schauen dazu in den blauen Himmel. Kleine, weisse Erinnerungswolken ziehen über die weite Leinwand und ich male sie aus. Beide seufzen wir vor lauter Wohligkeit. Es ist so schön, die Erinnerungen zu teilen, sie sind wie ein Geheimnis, das uns näher zusammenrücken lässt. 

Hihi, ich weiss, ich sehe mehr aus als würde ich schlafen als träumen, aber es ist nunmal das einzige Hängemattefoto, das ich gefunden habe;))

Dabei ist es mir egal, ob wir die Erinnerungen verdrehen oder beschönigen, denn schliesslich gehören sie uns und darin ist Leben und Liebe, und darauf kommt`s doch an. 

Beim Herumstöbern in alten Erinnerungen finde ich einen Text, den ich diesen Sommer geschrieben. Sommerregentage hatte ich ihn genannt:

Eine Kerze in der Nacht. Aufwachen. Stillen. Schlafen. Repeat. 

Mondlose Nächte. 

Lily, die plötzlich weder essen noch schlafen mag. Die kleine Fee. Ihr schnelles Atmen. Die kleinen Händchen. Ein grosses Herz. 

Besuch. Der Geruch von Kaffee und das Rascheln von Geschenkpapier. Eine Müdigkeit, so schwer wie sieben Steine. 

Neugeborenenkleider, die bereits wieder zu klein sind. Wäscheberge und schmutziges Geschirr. 

Stillen. Sternennächte. Sonnenstunden. Regentage und Regentropfen, sie klopfen und rauschen. Die kleine Fee. Sie ist so klein im grossen Bett. Erstes Mal kleine Fee baden. Erstes Mal kleine Fee alles. Eine müde Lily. Ein müder Himself. Müde Tage und wache Nächte.

Anfangszauber. Sich verlieren. Sich suchen und finden. Und wieder verlieren. 

Lily, die nicht noch immer nicht schlafen mag. Die kleine Fee, die getragen werden will. Ich tigere im Wohnzimmer herum, während draussen, einmal mehr, der Regen prasselt. Sommernächte und Augenringe. 

Eine sich langsam einpendelnde Normalität. Lily, die wieder essen mag. Schlafen noch nicht so recht. Aber immerhin!

Angst vor der Zeit, die nicht bleibt. 

Dunkle Nächte. 

Liebe. Gross. Und Tief. Neu. Und Alt.

Die Worte lesen sich bereits wie aus einer anderen Zeit, oder sogar aus einer anderen Welt. 

Manchmal frage ich mich, wie viele von unseren Erinnerungen eigentlich zusammengeflunkert sind, oder schöngefärbt, oder auseinandergenommen und nicht mehr richtig zusammengeschraubt. Sie sind eine bunte und auch recht sonderbare Truppe. 

Da gibt es etwa die Verdrehten, die regelmässig Polierten, die fast Vergessenen, die gut Verstauten, die vor-sich- hin-Träumenden, die schlichtweg Falschen oder gar Verdrängten… die Lustigen, die Klaren, die Betrunkenen, die Peinlichen, die Seltsamen, die Geträumten und Geheimnisvollen. 

Und dann, mittendrin, unsere Verluste. Denn gerade das Verlorene macht uns oftmals erst richtig komplett. Und es lebt, lebendig und unberührt, mitten im Herz. 

Und bleibt. 

2 Gedanken zu “Die Erinnerungstasche

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