Das blaue Buch – Bretagne

Was erhoffe ich mir? schreibe ich in mein Notizbuch, das ich mir extra für diese Reise gekauft habe. Vier Wochen in Goldmaria sind geplant. Bretagne. Atlantikküste. Einfach mal weg. Ich presse Worte zwischen Seiten, schreibe ich weiter. Bewahre sie auf. Wie Blumen. Dann klappe ich das Buch wieder zu. In der Dusche steht mir ein T – Rex auf die Füsse. Also ein Schleich natürlich. Doch ich fürchte mich nicht mehr vor leeren Seiten. Immerhin etwas.

Nun sind wir irgendwo im Burgund. Also Wein natürlich. Ausserdem ein Seerosenteich mit gründelnden Enten und ein riesiger Himmel. Ein Buch, irgendwo ein Rauschen. Die Nacht ist kalt. Dampfwölkchenkalt, und dunkel auch, und erstaunlich lang. Oktober im September. Eine Krähe flattert im Baum vor dem Fenster, die Mädchen schlüpfen zu mir ins Bett. Sie spinnen die Zeit zurück und dann gleich wieder nach vorn. Himself kocht Kaffee. Ich streiche Sandwiches, das Brot halb gefroren.

 

Einige Stunden später trotz Geschichten und Schokolade und Kaffee mit Bauchweh auf der Autobahn, das blaue Buch am meinen Knien. Es geht nicht darum, keine Fehler zu machen, sagt wer in Goldes Sendung, sondern jeden Tag einen neuen. Tja, das sollte möglich sein. Das mit den neuen Fehlern, oder? Wir sind nun irgendwo westlich von Paris, auf einer Landstrasse. Es holpert, wir fahren an einer verlassenen Bar vorbei und an zerbeulten Autos. Strommäste. Bäume. Ein Feld verblühter Sonnenblumen. Ab und an ein Haus mit grünen Fensterläden, manchmal auch roten, oder blauen, die Strasse topfgerade. Schiefe Schiefer auf Schafstall, robuste Kamine, irgendwann ein Dorf mit Kirche mittendrin. Licht und Schatten und an der Kreuzung ein leidender Jesus. Auch ein überfahrener Fuchs. Windräder, ein Supermarkt. Ich bin ein Einhorn, singt Golde. So schön du siehst mich kaum.

Wir schlafen mitten im Wald. Die Nacht ist sehr tief und sehr dunkel und der Morgen sehr frisch, aber nicht mehr so dampfwölkchenkalt. Die Faserpelze reichen aus. Vor Goldmaria liegt ein Bild aus grün, in das ich hineinfassen kann. Ich wünsche mir mehr Stille. Nur eine spektakuläre Liebe hat zwischen mir und dieser Stille Platz, schreibe ich ins blaue Buch, während die Mädels streiten. Blau ist geduldig. Eine Ente rennt durch den den Wald. Ein Auerhuhn! – rufe ich. Wo? – Himself.

Wir teilen uns eine Selbstgedrehte. Fremdgedrehte. Wie auch immer. Ein kleiner Ferienluxus halt. Es riecht nach Tabak und Mückenkerze, nach Freiheit und weiter Zeit, und gegen Westen versammeln sich die spektakulärsten Farben. Rosa, lachs, lila, orange, silbern, blau in jensten Schatten und Schattierungen, grün und schwarz, Abend, und mittendrin hüpfen zwei Faserpelzchen. Sie hecken irgendwas aus. Nicht spuken! rufen sie uns zu, immer wieder mal. Ich spuke nicht. Beobachte sie bloss heimlich. Schliesslich bugsieren wir sie ins Bett, mit Waldboden an den Füssen.

 

Schlecht geschlafen. Wirr geträumt. Ich schiele über meine Mauern. Der Morgen ist klar und alt, über die Baumwipfel ziehen weisse Wolken. Ich stolpere über einen T – Rex. Für ausgestorbene Geschöpfe sind sie ziemlich präsent, unter meinem Fuss zum Beispiel, oder unterm Bett auch, aus Wut druntergeknallt, im Bibliotheksbuch, im Podcast, den sich Golde unterwegs anhören will…denn wir sind on the road again! Stranden schliesslich im Forêt de la Brocéliande. Barc’h hélan. Ein Wald, wo Legenden leben, oder gut vermarktet werden zumindest. Bei uns tummeln sich jedenfalls schon mal vier Einhörnern auf der Picknickdecke. Schleich, natürlich. Wie könnte es auch anders sein. Ausserdem  Streit im Märchenwald. Und Alltag. Und Nachbars kläffende Hunde auch. Ich wäre gern allein. Mir fehlt die Lücke.

Wir besuchen eine Kirche, wo christliche Symbole und keltische Mythologie nebeneinander schlummern und zwar zwischen ziemlich alten Mauern (wenn auch neu renoviert, unter anderem von zwei deutschen Kriegsgefangenen. Was für eine seltsame Welt). Die Hüter des Wissens stehen hier jedenfalls vor dem Baum der Erkenntnis, das Abendmahl findet neben der Tafelrunde statt, Feen tanzen neben der Jungfrau mit Kind. La porte est en dedans, steht in schwarzen Buchstaben über der Eingangstür.

Wir spazieren zur Quelle der Wünsche (wenn sie Blasen wirft, gehen Wünsche in Erfüllung, vielleicht). Die Quelle wirft Blasen, immer wieder mal, und Lily wirft Steine hinein. La Fontaine de Irgendwas. Es ist schon ein wenig Herbst in der Brocéliande. Neben mir schüttelt sich eine Birke. Wir besuchen das „Grab von Merlin“, der Ort wo die junge Fee Viviane den alten Zauberer Merlin schliesslich überlistet und eingesperrt haben soll, in neun magischen Kreisen, in seinem eigenen Wissen (es gibt übrigens auch ein Grab in Schottland, und eines in Cornwall, doch das hier sei «in Wahrheit das richtige»). Nun ja. Die Fee packt eine Elsterfeder ein, die jemand auf dem Stein platziert hatte, lass sie liegen, rufe ich, und staune selbst, wie abergläubisch ich offenbar bin.

Der Jungbrunnen ist ein dümpelnder Tümpel mit Libelle und Frosch. Mein Witz, dass die Schulklasse, die durch den Wald trampelt, heute Morgen als Seniorengruppe gestartet habe, ist etwa ebenso lustig wie Lilys Selbsterfunde. Geht ein Fuchs zum Zahnarzt, sagt sie nämlich, hast du Wackelpudding, fragt der Fuchs. Geht ein Fuchs zum Zahnarzt. Hast du Schokolade, fragt er. Geht eine Schokolade zum Zahnarzt, ruft die Fee. Nun gut. Ich sehne mich nach Lücke. Noch immer. Es wird Abend, mit Lachsrisotto und Frenchbraiding (eine Art zu zöpfeln, falls sich jemand wundert, die jede Mutter könne, laut Golde, bloss ich nicht). Im Westen liegt ein Streifen rot, irgendwo gurrt noch eine Taube, bellt noch ein Hund. Fledermäuse flirren. Worte schlafen.

 

Isch morn? ruft die Fee

Ja, äs isch Morge, meint Himself. 

Nei, isch morn?

Ja äs isch Morge

Nei isch Morn????

Ja, sage ich.

MORN gö mir ads Meer! ruft sie, die Haare wild wie Merlin, wie Elsternfedern.

Ha ig die richtigi Antwort gä? fragt sie nun, stolz. Ja, sage ich, grosszügig mit meinen Worten und dem Trockenschampoo, dem talentiertesten Magier in der Brocéliande. Schlecht geschlafen. Wie so oft bei zu wenig Lücke. Zum Glück gibt’s Kaffee. Dann sind wir wieder unterwegs. Wieder brüllen Dinosaurier aus dem Radio. Die haben eigentlich mehr gepiepst, so wie Vögel, sage ich zu den Mädels. Sie glauben mir nicht. Nun gut, ich mir ehrlicherweise auch nicht ganz. Vor dem Fenster ziehen Maisfelder vorbei, auch Äcker, eine faule Krähe, schnellziehende Wolken.

Und dann, irgendwann, der Atlantik. Dieser bestimmte Moment, wenn man das Meer wiedersieht. Wie der erste Schnee, oder der erste Regentropfen nach einem heissen Tag, der Atlantik. Die Wolken sind gross und wattig. Möwen kreisen über der Autobahn, die Strassen werden immer kleiner. Ein Schild steht verwittert und vergessen an einer Kurve. Nature is Art. In Finistère, auf bretonisch übrigens Penn ar Bed – Anfang der Welt. Ein schöner kleiner Perspektivenwechsel, finde ich), schlagen wir neue Zelte auf. Goldmaria am Meer. J `en ai marre de la mer, meint der Monsieur beim Acceuil, er habe sich nun ein Haus in den Bergen gekauft. Diese Sehnsucht immer, schreibe ich einer Freundin. Das Meer riecht salzig und nach Ebbe, die Kinder sind bald schon voller Sand und Weite. Ich bleibe hier, ruft die Fee. Ich komme nie mehr heim. Wir gehen über den Küstenweg, die Flut ist voll und gewaltig. Lily sammelt Muscheln für Schmuck und Blumen für Bilder. Nature is Art. Während ich abwasche, die Kaffeetassen aus dem Märchenwald, die Schoppen der Nacht, malt sie. Rotes Seegras und das letzte bisschen Sand, und die obere Flut. Was ist das? frage ich. Der Himmel, sagt sie.

Mit dem Morgen kommt die Ebbe. Der Strand ist eine Studie aus Silber und Surfschülern. Da liegen nun tote Krebse, Plastikmüll, Kunst aus Seegras, Muscheln, Sand, eine Meerjungfrau, die auf die Flut wartet. Eine Schicht Nebel, Strümpfe voller Sand. In der Crêperie am Anfang der Welt treffen wir auf alte Bekannte. Bis morgen beim Leuchtturm, sagen wir, denn der hat offene Türen. Jetzt könnten wir baden gehen, sage ich zu Himself, doch wir gehen stattdessen Schuhe kaufen, da die Mädchen schon kein einziges trockenes Paar mehr haben, alle Stiefel voller Meer.

In der Nacht kommt Sturm. Laut und grollend und unbarmherzig schiebt er sich über das Land. Am nächsten Morgen donnerts in mir, ich tue mich schwer mit der Nähe und der Enge. Wir treffen die Bekannten beim Leuchtturm mit den offenen Türen, die dann aber doch geschlossen sind, wegen Mittagsruhe. Wir setzten uns mit Cidre und Galette auf die grossen Steine, strecken die Beine, beobachten Muschelfänger. Die Mädchen baden. Abends streikt unser Auto, die Türen vom Leuchtturm bleiben geschlossen, für uns zumindest, nun wegen Streikauto und Regenguss und allgemeiner schlechter Laune. Innere Enge jedenfalls. Doch la porte est en dedans. Oder? Darum wandere ich heute allein. Über die GR 34, la grande randonnée, über die Dünen, am mittlerweile verlassenen Leuchtturm vorbei, es ist ein regnerischer Montagmorgen, Wolken gaukeln überm Meer. Ab und zu zeigt sich mal ein Hundebesitzer inklusive Hund, die Landschaft ist photogen und heute auch etwas schüchtern. Steine liegen wie riesige Kartoffeln verteilt am Strand, in Wiesen, in Gärten. Zurück in Goldmaria essen wir Kartoffeln mit gesalzener bretonischer Butter. Doch mittlerweile sieht es aus, als wäre irgendwo unterwegs eine Wildsau zugestiegen, die Enge steht nun auch Himself auf die Füsse. Geh ans Meer, sage ich ihm, als wäre dies ein Rezept. Ist es auch. Ich schaffe Ordnung. Das Wetter ist gar garstig. Bei den Dünen hat selbst das Meer sich verkrochen, der Wind fegt über den Sand, es regnet. Die Fee ist bei nasser Hose Nr. 18 angelangt, wir hängen die klammen Kleider auf, drehen die Heizung an, gehen essen.

Du bist die Schönste im Restaurant, sagt Golde.

Du bist die Schönste, sage ich.

Wer noch? fragt sie.

Die Fee.

Wer noch?

Dein Papa.

Wer noch?

Hmmm, sage ich, lass mich überlegen, vielleicht der Galettemann?

Nein! ruft sie entsetzt. Sag ich!

Ich bin die schönste im Restaurant, sage ich.

Die Fee zersäbelt mit dem Messer ihre Pommes. Haben Regenwürmer Knochen? fragt sie. Ich muss die Tür nicht öffnen. Ich spaziere mit offenen Armen hindurch.

 

Am nächsten Morgen fahren wir weiter. Es ist ein sanfter Tag, die Sonne zeigt sich, und mit ihr grosse Wolken, wir fahren in Richtung Douarnenez, vorbei an Feldern und Wäldern und immer wieder mal alten Kirchen. Der Camping liegt am Rande eines Ferien / Villenviertels. Jetzt in der Nachsaison wirkt alles ziemlich verlassen, bloss eine Frau gärtnert. Unten ohne. Und das ist wirklich wahr. Draussen regnet es wieder, drinnen herrscht Sturm. Ein bisschen mehr Zen, denke ich, während es aufs Dach rauscht. Regen und Realitätscheck, ich frage mich, ob wir unsere Zelte zusammenbrechen und in den Süden fahren sollten. Bloss müssten wir wohl ziemlich weit, um wirkliche Wärme zu finden. Ein Tief macht es sich über Europa bequem. Lily zeichnet Häuser. Das ist unser Haus, sagt sie, für jeden malt sie ein eigenes Zimmer, in allen ein Bällebad, bloss ich kriege einen Tisch und einen Laptop mit dazu. Oh, die Ruhe darin, die muss göttlich sein.

Auch die Fee zeichnet. Aber nicht gucken, Mama, ruft sie.

Warum?

Einfach!

Bist du wütend?

Ja!

Warum?

Keine Antwort.

Vielleicht weil sie nicht mit offenem Schirm hatte Auto fahren dürfen?

Hilf mir, ein Haus zu zeichnen, sagt sie stattdessen zu Golde. Und schenk mir das Meer, aber in rot, zu Himself. Nein in pink. Himself malt bunte Wellen. In der Nacht stürmt der Sturm sich aus. Er erschöpft sich. Ich erwache wegen Traum und seltsamer Stille. Kein Fauchen und kein Toben um Goldmaria. Nur Stille. Oder ist das ein Vogel? Die Lerche hoffentlich, denn nichts Schlimmeres als um drei Uhr nachts wachzuliegen, zumindest wenn man einmal den Mitte Dreissig Zenit überschnitten hat. Dann wird drei Uhr zur Stunde des Sichschlafloshinunherwälzen und Hoffendassmanirgendwiewiedereinschlafenkann, aberbitteschnell. Bestimmt ein Vogel! Oder doch die Nachtigall? Da – ein Waldkauz! Was er wohl ruft? Ich geh dann mal schlafen? Ich schiele auf die Uhr. Sechsuhrfünfundvierzig. Puh! Die Lerche! Und nun sehr viel Stille. Nur meine Gedanken. Und ein Kauz, der noch nicht schlafen gehen mag. Am nächsten Tag ist blauer Himmel. Das Meer ist wild, im Spülgang, nicht zu nah, rufe ich den Kindern zu, immer wieder mal. Es ist ein heller Sturmhimmel, die Raben im Steilflug vor den Felsen sehen fast aus wie Alpendohlen, bloss der gelbe Schnabel fehlt. Wäre ich ein Reiseführer, ich würde die Nordküste vom Cap Sizun als wildromantisch beschreiben. Wildromantisch, und zerklüftet, mit kleinen versteckten Buchten. Dort spielen nun zwei Mädchen Känguru, sie buddeln und staunen, und schauen. Alles ist da. Sand und Salz und Wasser, Wind und Wellen, Felsen und Himmel. Heide, Farn, Klippen, und überall das Meer. Es kümmert sich nicht. In der Nacht passt auch der Wind nicht auf, er, der die Wolken vertreiben sollte, pennt kurz ein. Und schon prasselt der Regen wieder aufs Dach. Sturm zieht auf. Mit Böen und Starkregen, der Wind zieht und zupft an Goldmaria, ein grüner Sturm, hier im Wald, zumal dann, wenn sich genügend Licht in die Bäume schleicht. Petterson und Findus erleben Abenteuer, singt das Hörspiel gegen die Langeweile. Heja, spann den Wagen an, singt Golde, sieh der Wind treibt Regen übers Land, hol die goldnen Farben, hol die goldnen Fa – a – arben.

Was hörst du? fragt sie mich.

Der Regen, sage ich.

Und die Fahne da, sagt sie.

Das Meer, sage ich, und ein paar Franzosen.

In unseren warmen Jacken finden wir beide ein vergessenes Osterei, später spazieren wir zur Pointe du Millier, der Wind zieht und zupft an uns. Wellenkronen, Wattewolken, zerzauste Haare, Hunger. Die Pinie vor Goldmaria seufzt. Der Sturm hat ihr nun schon fast alle Nadeln geraubt. Froosösischer Stinkekäse, sagt Golde mit französischem Akzent. Bald ist Winter, sagt sie. Und dann dein Geburtstag. Und ich schenke dir ein Buch. Und eine Kette. Oder einen Glacemacher.

Und ich dir Bauchweh, meint die Fee. Und einen Doktor, eine Praktis, und Kamente mit dazu.

Immerhin. Die Fee will noch immer nicht nach Hause. Lily zeichnet nicht mehr ständig feste Häuser mit Bällebad, sie malt nun immer öfter Meer und Sternenhimmel. Oder «Leuchtturm in abendlicher Stimmung». Also alles gut. Meistens, jedenfalls.

 

An der Pointe du Van rennt die Fee weit voraus. Warum? Weil ich sie vor den Felsen und dem wilden Meer gewarnt habe. Etwas Kleines, Wildes, Blaues also zwischen Heidekraut, man sieht weit hinaus aufs Meer und auf die verschiedenen Inseln, ausserdem eine alte Kirche, keltische Kreuze, zahlreiche Touristen und immer wieder mal was Kleines, Blaues, Wildes, Schnelles, das so gar nicht auf Vorsicht hören mag und sich so gar nicht mit gemächlichen Wegen zufriedengeben will. An der Tourihochburg an der Pointe de Raz schlägt die Laune um. Ein kühler Nordwind dominiert nun die Stimmung. Ärger im Paradies. An der Baie des Trepassés kühlen wir uns ab, trinken Kaffee, beobachten Wellen, Surfer, Kneiper und die Autos, die sich allesamt zur Pointe de Raz hin und fortbewegen. Hier in dieser Bucht sollen sich jeweils um Mitternacht die Seelen der Verstorbenen versammeln. Legenden wachsen hier ebenso frei und genüsslich wie das Heidekraut und beides gefällt mir ausserordentlich gut. Irgendwo unter dem Meer liegt die versunkene Stadt Ys, die schöne, aber grausame Prinzessin Dahut hatte sich irgendwo ganz in der Nähe ihrer Liebhaber entledigt, nun ja, bevor sie den Teufel höchstpersönlich kennengelernt hatte das ist, Tristan hatte sich hier versteckt, vom Liebestrank noch immer nicht ganz ausgenüchtert. Wir gehen weiter. Zur Kapelle St. Thugen, die ganz aus Granit gebaut ist, darauf wachsen gelbe Flechten, auch die Grabsteine und Kreuze sind flechtenumwoben, dann weiter über die Düne ans Meer. Es ist Flut. Wenn die Wellen sich zurückziehen, murmeln die Steine. Irgendwann zeigen sich Delfine. Lily setzt sich auf meinen Schoss. Das Meer wird silbern, zieht sich zurück, die Delfine weiter, wohl nun an der Pointe de Raz vorbei. Auch wir gehen nach Hause, ein bisschen alltägelen. Kochen, waschen, sandige Kinder duschen, vorlesen, immer wieder ruhig bleiben. Es ist die Unruhe vor dem Wechsel. «Über den Dingen atmen», oder es zumindest versuchen, und sie zusammenpacken auch. Die Dinge natürlich. Denn morgen fahren wir wieder weiter. Was war das Schönste, heute? frage ich. Petterson und Findus spielen, sagt die Fee. Delfine sehen, sagt Golde. Ihnen die Haare flechten, denke ich, morgens in Goldmaria, und der Moment, als sie sich auf meinen Schoss gesetzt hatte, am Silberstrand bei den Delfinen. Vielleicht auch etwas Wildes, Kleines, Blaues, das so frei durch die Weide rennt.

Am nächsten Morgen regnet es wieder. Die Vögel zwitschern erst nach acht, und der frühe Morgen ist ganz still. Nur der Wind rauscht in den Bäumen, und der Regen klopft, und um exakt sechsuhrvierzig kauzt der Waldkauz dreiviermal. Auf der Fahrt nichts als eine graue Strasse und ein grauer Himmel und Pippi Langstrumpf auf der Toniebox. Möwen auf einem Feld neben der Autobahn, lustlos. Was ist das für ein Auto? fragt die Fee, ab und an. Peugeot, sagt Himself. Peugeot, Peugeot, Peugeot, Renaut, Citroën, Peugeot, Peugeot, Peugeot…

 

Golfe de Morbihan. Klingt das nicht schön? Klingt das nicht wie Geheimnis, und Sagen, und Meer? Und nach Touristen natürlich, aber was haben wir schon zu sagen? Der Blick aus Goldmaria zeigt Bäume, eine Wiese, gar einen Garten, es fühlt sich fast ein wenig an wie in einem Haus; bloss der Regen klatscht extra laut, mal wieder, und für den Abwasch müssen wir durch ihn laufen. Wir lassen die Pfannen stehen. Verstecken uns. Ich will nach Hause, ruft Golde und ich spiele ihr Heiweh von Fräulein Luise. Dazu google ich nach Süssigeiten und Binnenmeer. Der Golf ist nämlich eines. Also ein Binnenmeer. Der Atlantik zeige sich nur in den Gezeiten. Gezeiten klingt irgendwie immer ein wenig geschwollen, so als würde gleich darauf ein Genitiv stehen. Der Gezeiten wildes Wassers leuchtend Geistertänze brausen schallend über Ufers Böschung, verschlucken rastlos des Landes treuste Schätze. Oder so.

Es ist schön hier. Irgendwie warm. Trotz Nordwind. Trotz Winterjacken. Irgendwie gemütlich. Und lebendig. Trotz viel und alter Geschichte. Wir werden vertraut mit verschiedenen Begriffen wie Dolmen, Menhir, Tumulus, wir gehen ins prähistorische Museum, besuchen die Alignements bei Carnac und Locmariaquer, die Mädchen baden am Strand, der als mögliche Alternative zu Omahabeach gehandelt wurde. Damals. Wir beobachten Vögel, Wolken, der Gezeiten ewger Lauf, wandern mit Sand in Schuhen über Dünen. Kochen in Goldmaria. Die Mädchen schlafen spät. Aber gut. Es wird Oktober. Die Blätter im Wald von Hallate werden bunt, es ist Jagd. Wir hören das Jaulen der Treibhunde.

Am nächsten Morgen fahren wir spontan nochmals in Richtung Norden, bis an die rosa Granitküste. Eine Gegend, die gleichzeitig sanft und hart klingt. Sie ist vor allem touristisch. Ein bisschen granitig ist sie mir, trotz rosa. Ein bisschen gar 80er Jahre Seebadtourismus. Versteht mich nicht falsch. Sie ist wunderschön. Einfach un peu…. touristique. Steinique. Ich gehe über den GR34, hier ist er teilweise fast ein wenig heidelandique. Ich fühle mich leicht. Zufrieden. Es ist fast wie das erste Mal baden im Sommer. Ich nehme meine Kritique an der côte du granit rose zurück, als wir vor Goldmaria sitzen, Wolken ziehen auf. Flut zieht ein und schon bald um das Pärchen draussen auf den Steinen. Pardon, rufe ich. Pardon, l’eau! Va arriver… Golde schämt sich. Das erste Mal findet sich mich offensichtlich peinlich. Eine gelungene Premiere. Das Pärchen watet nun durchs Wasser. Jetzt gras du aber auch nicht so hinüber, sage ich.

Warum geschah der Urknall? fragt sie kurz vorm Einschlafen. Draussen ists nun tintenschwarz. Das, sagt Himself, ist eine Frage für den Morgen.

Dann gibt’s den Kaffee direkt am Meer. Herrlich. Und dennoch habe ich eine gewisse Sehnsucht, eine die ich grad gar nicht wirklich fassen kann. Nach Alleinsein. Respekt habe ich auch, vor der Zeit, die zu schnell geht, und vorm Alltag, und von all den Dingen, die mich am Träumen hindern. Nach demjenigen Ort in der Bretagne, der mit so gut gefallen hatte, damals, am Anfang der Welt. Ich habe Zeilen in meinem Kopf, sage ich zu Himself. Willst du sie wissen? Er nickt ergeben. Und wenn das Irdische dich vergass… Himself seufzt. Hör zu, sage ich, es ist schön.

Und wenn das Irdische dich vergass, zu der stillen Erde sag: ich rinne. Zu dem raschen Wasser sprich, ich bin.

Wirklich schön, sagt er. Von dir?

Ha, ich wünschte!

Rilke? fragt er.

Warum ist das Meer? fragt Golde.

Der Morgen ist kalt. In mir brennt ein Feuer, sage ich mir, wieder und wieder, weil ich mal irgendwo gelesen habe, dass buddhistische Mönche das im Schnee meditieren. Das Wetter schlägt um. Mal wieder. Aus erstaunlich freundlichen und sonnigen Tagen wird Regen und Böen und allgemeiner Herbst. Anstelle vom Papageientauchern begegnet uns eine neue Regenfront, plitschenass verkriechen wir uns in der mittlerweile ziemlich sandigen Goldmaria. Sandmaria. Der Camping hat mit seinem les pieds dans l’eau nicht zuviel versprochen. Zumindest bei Flut. Die Mädchen spielen die lieben langen Tage am Strand. Meine pieds sind leider auch schon ein wenig im Alltag. Auf Heimreise. Dans ich sollte noch. Ausserdem la tête dans la pluie, les chaussettes mouillées, le koller de Goldmarie… manchmal zumindest.

In mir brennt ein kleines Feuer, sag ich mir, les pieds dans l‘eau, in mir brennt ein Feuer, la porte est en dedans, nature is art, und zu dem raschen wasser sprich, ich bin.

Dann kommt der Tag als Goldmaria stinkt. Nach einer unheilvollen Mischung aus verdorbenem Fisch und nassem Bär. Warum? fragt ihr mich? Wegen Algen im Kochtopf. Schlechte, sehr schlechte Idee. Miristschlecht – schlecht. Nun gut. Zeit für einen Abendspaziergang. Ich versuche, den Farben Namen zu geben, dem tiefen dunklen blau, dem gelb und grau, dem glatten silber, dem weiss und erdgrün und dem schwarz. Der Mond ist eine Sichel. Golde malt Einhorn in der Nacht und Katzenfamilie am Strand. Der nächste Morgen bringt wieder Spaziergang (diesmal allein), smaragd, dunkelblau, weiss, dann Sturmwind; eine silberne Scheibe und eine graue Front. Das Heulen vom Wind. Sind es die Ausläufe von Kirk? frage ich mich, dem Ex – Hurricane der die letzten Tage über dem Atlantik sein Unwesen trieb? Noch nicht, meine Himself. Einfach starke Brise.  Die Kronen tanzen. Frenchbraids für Golde, die Fee, für mich gleich mit, ich bin zu alt für diese Frisur, sage ich. Du bist soooo süss, meint Golde.

Sie holt sich ein Buch. Bretagne, Normandie, steht darauf. Hör zu, sagt sie zur Fee. Es war einmal ein Mädchen. Das war immer lieb. Oh Gott, was habe ich getan, denke ich. Es war immer lieb, und machte immer genau das, was Mama oder Papa sagten. Um Himmels Willen! Doch eines Tages wollte sie nur zeichnen. Sie zeichnete und zeichnete und zeichnete und als ihre Mama und ihr Papa sagten jetzt ist genug, zeichnete sie einfach weiter. Und als sie sagten, jetzt hörst du aber wirklich auf, ging sie von zu Hause weg. Gut für sie, vielleicht, denke ich. Nachmittags wird die Brise immer wilder, bestimmt ist das Kirk, sage ich, er lässt uns kaum in Ruhe, nur eine einzelne Möwe wagt sich heraus und eine Krähe auch und ausserdem ein Falke und die beiden streiten sich. Wir kaufen Mitbringsel, Caramel salé, Biscuits, Krimskrams und Cidre, und die Zeit kringelt sich auf. Oh, shut up, Kirk, sage ich. Denn er heult schon wieder um Goldmaria herum. Ich gehe den Weg entlang weiter, le chemin des douaniers, der Zöllnerweg, auf dem jetzt im Oktober vor allem Senioren gehen, und Menschen mit Hund. Ich schmuggle Zeit in den Abend. Weite. Ein wenig Einsamkeit, eine kleine, kleine Miniportion davon. In kaum einer der vielen Ferienwohnungen, die sich hinter dem chemin des douaniers verstecken, brennt Licht. Immer mehr Dunkelheit schleicht sich über die Düne, und die Steine, und das Wasser. Die Sichel wächst. Weit draussen lotst ein Leuchtturm. Kirk baut sich auf. Angeber, aber wirklich! Goldmaria stinkt nicht mehr. Goldmaria wackelt. Golde und die Fee hopsen. Es ist laut. Ich will nicht nach Haaaaause. Ach Golde. Ich auch nicht. Wegen der Zeit nicht, der es im Alltag viel leichter fällt, sich zu verstecken. Wegen der Weite nicht, und dem Rauschen, und den Farben, hell, erde, stein und sand, dunkel, smaragd, mit Kronen, wegen der Nähe nicht und dem Geräusch vom Regen auf Goldmaria und dem Geruch von Ebbe.  

Der nächste Morgen ist still. Kein Vogel, kein Regen, kein heulender Ex – Hurrikan. Nicht mal eine Möwe. Das Wasser liegt still und spiegelglatt. Der Tag ist kühl und weit und ein wenig fad auch, aber das ist mir egal, und der Abend dann ganz in lila. Er hüllt mich ein. Kirk zieht nun durchs Loiretal, bringt Regen und Hochwassergefahr, also fahren wir der Küste entlang weiter, verbringen noch ein wenig Zeit in der Normandie. Die Landschaft berührt mich. Es ist schwer zu sagen, warum man liebt, was man liebt, oder? Es ist ein sonderbarer Ort, wenn ich einen Horrorfilm drehen würde, dann hier, sage ich zu Himself. Verlassene Häuser im Villenstil, verträumt, mit geschwungenen Torbogen, geschlossen, grün oder blau, secret garden style, und gleichzeitig sehen sie aus wie alte Waisenhäuser, jene der wirklich unguten Art. Am Strand jammern die Steine, die Klippen sind steil, mit Nazirelikten darin, Ausgucke und Bunker. Ich schaue aufs Meer. Es ist immer gleich und immer anders, und immer schön, und die Möwen ziehen sich in ihre Nester zurück. Golde findet ein geplündertes Katzenhaiei und einen schwarzen Stein mit Halbmond. Die Fee malt in den Sand. Geschichten flattern mir in den Kopf, so ist dieser Ort, voller verlassener Geschichten. Wir gehen durch den Oktoberabend, über die regennasse Strasse und die viele bunten Herbstblätter, vorbei an versteckten Geschichten und verborgenen Gärten. Wieder ein Schild. Le refuge de la pensée.

Den gibt’s zum Glück überall, auch in der Waschküche, schreibe ich meiner Freundin. Wie schön, wenn’s denn schöne Gedanken sind, schreibt sie zurückt.

Und da wollte ich mir die ganze Sache doch schönreden. Wir trotten in den Alltag. Abwaschen, pijelen, Guetnachtgschichtli schauen, singen. Laila laila, Goldes Favorite, und mir tanze mit em Wind, der Fee ihrer liebstes Nachtlied. Morgen geht’s mit einem letzten Stopp zurück in den Alltag. Den richtigen.

 

Zwischen Weinbergen öffnet Himself eine Flasche Rotwein. Burgunder.  Wusstet ihr, dass man in Frankreich ins Gefängnis kommen kann, wenn man in der richtigen Region die falsche Traube anbaut? Oder war’s andersherum? Oder halluziniere ich bloss? Immerhin sind wir heute durch halb Frankreich gefahren. Und jetzt hatte ich bereits ein grosszügiges Glas Rotwein. Rosskastanie, Eiche, Platane, alles sehr schön, alles sehr fest, alles sehr stabil. Wie teilen uns eine letzte Fremdgedrehte. Ein letzter kleiner versteckter Ferienluxus.

Auf neue Fehler, sage ich. Auf viele kleine neue Fehler. Aurevoir.

 

 

 

 

 

 


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