Notizen. Alt und knorrlig. Ausserdem apokalyptische Vögel.

 

Meine letzte Googlesuche ist: öäääxxxxtttttttttgööööggp.

So informiert mich jedenfalls mein Handy. Entweder hatte ich einen kurzen Schlaganfall oder eine der Kleinen war am Gerät. Ich tippe auf Letzteres. Die Zeit rennt mal wieder. Die wird immer besser. Wenn das so weitergeht, rennt die bald den Jungfraumarathon. Und ich, ich schnaufe ihr hinterher. Und meist zu schwer. Nun gut. Rennen kann ich auch. Zumindest joggen. Ein bisschen, jedenfalls. Oh mein Gott, und wie ich keuche. Ich schwöre, die Strecke wurde länger. Und steiler! Im Stehen rennt es sich besonders schön. Im Regen auch. Im Grau startet ein Flieger, keucht und faucht noch mehr als ich. Sonnenhungrige, die nach Mallorca fliegen, oder Kreta, oder irgendeine andere austrocknende Insel. Es regnet mehr und mehr und mehr, und ich renne wieder, und wie, ob ich will oder nicht. Zu Hause singt die Fee und ich strecke meine Beine.

Öffne News. Misox, Zermatt, steigende Pegel. Regen. Schliesse die Seite schnell wieder. Öffne Notizen. Ein grosses Durcheinander. Ein Gedankensammelsurium. Darin steht alles – von Einkaufslisten, kryptischen Nachrichten (x333kkkpä, waren hoffentlich wieder die Kleinen), Rezeptideen, to – dos für zu Hause, welche für die Arbeit, kleine Weisheiten von Lily, die mir so gut gefallen, dass ich sie festhalten will. Bücher, die ich lesen will. Poetische Alltagsbeobachtungen (will nicht „Gedichte“ sagen, das klingt so nach staubigem Deutschunterricht, und ausserdem reimt sich eh nie was, ausser der Mai ist fast vorbei). Mittelmässige literarische Kritzeleien, aus denen ich später Papierflugzeuge bastle.

Pusteblumen

Eingefroren im Grau

So stehen sie Wache

Und vergessen die Zeit

Mom Poetry

fünf Minuten

Während Löwenzähnchen

Oder mitten in der Nacht

Oder früh

Viel zu früh

Mich dabei ganz fühlen

Oder zumindest halb

Oder Dreiviertel

Wie eine Kindergeige

Bloss mit besserem Klang

Zwischen frühem Grau

Und blauer Stunde

Abschütteln und Freischütteln

Und Schulterzucken

Seht ihr? Papierfliegerpoesie. Ausserdem ein Text. Auch er dümpelt in den Notizen, kurz vorm Vergessen. Geschrieben habe ich ihn, als Himself und ich „mal weg“ waren. Nur wir zwei. Über Auffahrt. Ohne die Kleinen.

So. Da sind wir also. An einem Donnerstag im Mai. Auf einem Campingplatz im Wald, wir haben kein Brot, nur Kuchen, und Zeit, und Sonne! Endlich wieder Sonne. Als wir aufwachen, ist noch sehr früh, so viele Vögel, sie zwitschern alle durcheinander, wie Verwandte am Familienfest. Als Himself wieder einschläft, ruft der Kuckuck. „Ist draussen grau oder blau?“, hatte er noch gefragt, also Himself, und ich hatte „Zwielicht“ gesagt und: wann kommst du Morgenwind und hebst die Schatten wieder von dem verträumten Kind?, gedacht (eben doch Deutschunterricht & Poesiealbum, sowohl als auch verstaubt) und ausserdem, dass ich bestimmt nicht wieder einschlafen werde, doch da schlief ich auch schon wieder ein, während die Tauben gurrten, und der Kuckuck rief, und die Cousinen stritten. Später dann Kuchenfrühstück und ein hungriger Vogel. Die Sonne kommt, die Sonne geht. Die Sonne kommt. Wir gehen wandern. Mehrere Wege dehnen sich hinter dem Campingplatz aus, wir folgen dem einen und wundern uns, wohin uns wohl der andere gebracht hätte. Im Leben gehen wir auch einen Weg, ohne zu wissen, wie der andere gewesen wäre, sage ich und Himself sagt: Sag das noch einmal. Dieser Weg hier führt durch einen Wald, knorrlig und kühl. Eigentlich wollte ich ins val de travers und Sagenwandern, oder die grüne Fee suchen, doch wir hatten keine Lust auf Bise. Genug gefroren, einen ganzen Winter lang und einen halben Frühling mit dazu. Ausserdem hatten wir keinen freien Camping mehr gefunden über Auffahrt, nur hier, ännet der Grenze, hier kostet es auch nur die Hälfte, und die Hügel und Wälder schauen ausserdem einsamer aus, unbewohnter, so, als würden sie mehr in Ruhe gelassen. Ab und zu flattert ein Schmetterling vorbei. Gelb, orange, weiss. Am Abend essen wir Pizza und trinken Wein. Ich vermisse die Kleinen. Ein bisschen, jedenfalls. Vermissen ist auch schön, schreibt mir eine Freundin. Kurzfristig ja, denke ich mir.

Ich erwache wieder früh, und warte auf den ersten Vogel, doch der singt noch nicht. Es ist erst vier, ich warte aufs Wiedereinschlafen, und irgendwie fühlt sich alles falsch an. Am nächsten Tag gehen wir wieder wandern. Normal. Nicht Sagen. Und sagen tun wir dazu auch nicht viel. Jedenfalls Himself nicht. Es ist sehr grün, wir verlaufen uns, verpassen unser Ziel um knappe vierhundert Höhenmeter, schnaufen hochinaus, sehen Eidechsen, Eichhörnchen, einen Kolkraben und eine baumelnde Raupe. Wald. Sehr viel Wald. Unsere Oberländergene verlangen nach Gipfel und Weitsicht, also üben wir uns im Derwegistdasziel. Dann strecken wir unsere Beine und der Nachmittag zieht sich lang. Blauer Himmel. Weisse Berge. Der Mont Blanc versteckt sich in Wolken. In einem Graben liegt ein Stuhl. «Wer schmeisst den hier runter?», frage ich. „Wer schleppt den hier hoch?», fragt Himself, so keuchen wir weiter, und dann wieder runter, und schliesslich zurück. Ein Schmetterling. Weiss. Ich lese ein bisschen. Krafttanken fürs bevorstehende Abstillen. Am nächsten Morgen fahren wir zurück. Ich fühle mich alt und knorrlig. Abends schauen wir den Eurovision Song Contest, doch ich sage Concour d’ Eurovision, denn wenn man sich alt fühlt, und zudem knorrlig, dann sagt man so. Ich vermisse die Kleinen. Es fühlt sich nur noch wenig schön an. Am nächsten Morgen holt Himself sie wieder ab, sie bringen Muttertagsgeschenke. I häbe di ganz fescht, wie dr Boum sini Est, wie der Himmel sini Stärn, so fest ha ig di gärn steht auf einem Brief aus dem Kindergarten. «Wie schön», sage ich, und ich vermisse das Vermissen, und freue mich am Nahsein.

Schön, mich zu erinnern. An die Pusteblumen, ans Derwegistdasziel. An die weite Zeit und das Geräusch unter Wanderschuhen. Ans Weitergehen. Ans Kraftsammeln. Abstillen brauchte eine Menge davon. Mehr, als ich gedacht hatte. Eigentlich wollte ich ja die Fee den Zeitpunkt bestimmen lassen, doch genug ist genug. Ich ziehe die Notbremse, bevor auch ich alt und knorrlig bin. Also noch. Noch älter, noch knorrliger. Wache Nächte, frühe Morgen, Abende, in denen ich mich und meine Entscheidung in Frage stellte, trotzdem weitergehe, einfach weiter, auf dem Weg, den ich nunmal eingeschlagen habe. Die Nacht ist auch knorrlig und ausserdem kühl. Die Augenringe gross. Die Laune mässig. Die Tage lang. Sie stehen Wache. Die Fee verfolgt mich mit einem Meter, misst und informiert mich, ich sei soooo alt.

Ausserdem Weltschmerz, und viel davon. Ein Flimmern. Zu früh Aufwachen. Sonntagsbend finden die Mädchen eine verletzte Taube im Garten, die dann davon dackelt, wie Himself sagt. Ich frage mich, ob Tauben dackeln können. Ob sie jemals wieder fliegen wird. Ob ich irgendwo anrufen sollte, doch Himself meint, um eine Taube kümmere sich wohl niemand, vielleicht erhole ich sie sich ja von allein. An nächsten Morgen, als auch wir aus dem Haus dackeln, schon wieder knapp für den Kindergarten, rennt ein Fuchs vorbei, in Richtung Kirche, doch der sucht wohl nicht den Gottesdienst. Die Taube finde ich nicht. Nachmittags zerpflückt ein Falke in unserem Garten seelenruhig einen Spatz, ganz ruhig jetzt, Mama, kein Stress, sagt Lily, die mich gut kennt. Weitergehen. Landkarte studieren. Am nächsten Morgen liegt ein toter Jungvogel auf der Treppe, und der Falke fängt vor meinen Augen eine Schwalbe. Ziemlich viel Regen und apokalyptisch anmutende Vögel. Aushalten. Innehalten. Musik hören, welche mit schönen Texten. All den Schmerz reichen wir hin und her, doch irgendwann lass ich dich los.

Mom Poetry.

Fünf Minuten.

Weitergehen.

Repeat.

 

 

.

 


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6 Kommentare

  1. Wieder wunder- wunderschön

    1. Merci liebe Linda

  2. Dein Text ist so unglaublich berührend geschrieben.

    1. Merci 🙏

  3. Ach Du Liebe, ‚knorrlig‘ fühle ich mich auch. Was für ein schönes Wort und schön von Dir zu lesen- lange nichts gehört. Drücke Dich mal und Grüße aus Ostrohe

    1. Gell was für ein schönes Wort. Wie es dir wohl so geht? Ich lese bald gerne mal bei dir vorbei.
      Suche aktuell immer nach Zeit. Vielleicht suche ich einfach an den falschen Orten, wer weiss. Wünsche dir jedenfalls einen knorrlig schönen Sonntag

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