Am Fluss. Oder meine hitzebedingte schlechte Laune.
Es ist heiss. Sehr heiss. Alles ist trocken und dürr. Alles ist durstig, die ganze Welt, so fühlt es sich an. Die Bäume lassen ihre Blätter fallen, und ihre Früchte auch, zu früh. Die Sonnenblumen blühen, felderweit, der Mais wächst. Unter dem Apfelbaum riecht es nach frischen Äpfeln, und dies im Juni, dann im frühen Juli schon.
Wie immer müssen sich die langen Ferien verdient sein. Mit Gruppenchats und Abschlussgeschenken, mit Spielgruppeaabschlussbräteln und Schulfest, und dazu diese Hitze, und diese Dürre, diese Trockenheit; die Hitze, die mich verändert. Verwandelt, in vergesslich, missmutig, zu schnell aus der Haut fahrend. Ich checke nicht mal mehr die Wettervorhersage, zu düster sonnig das Ganze. Keine Sonne, keine Gnade, singt Element of Crime, und diese Zeilen spielen in meinem Kopf weiter. Wir wollen losfahren, endlich einfach los, da wird Lily krank. Wir packen aus. Wir kochen Tee, warten ab. Am nächsten Tag geht es ihr besser. Aber noch immer ist es heiss. Europa, die Schweiz, als wir über die Grenze fahren, Frankreich.
Mitgefahren ist im Übrigen auch meine kolossal schlechte Laune. Hitzebedingt. «Es tut mir leid, mir ist einfach soooo heiss», wird langsam echt schal, ich weiss, ich weiss. Mitgefahren ist übrigens auch der Wackelzahn, der schon zu lange wackelt. Keine Sorge, keiner von mir. Wenigstens fallen mir die Zähne noch nicht aus, denke ich missmutig, während ich diese Zeilen tippe. Eingepackt haben wir den Zahnfeegoldspray jedenfalls, profilaktisch. Lange hält sich dieser Zahn nicht mehr.
Die Zahnfee gibt es nicht, sagt Lily jedoch, als wir durch den Jura tuckern, durch die dichten Wälder.
Ach so? frage ich. Wie kommst du jetzt darauf? Und dann muss ich lachen, denn es stellt sich heraus, dass Lilys Freundin ihr den ultimativen Beweis liefern konnte. Sie war lange schon misstrauisch, meint Lily, dass die Fee eigentlich die Eltern sind. Also legte sie den letzten Zahn heimlich unter das Kissen, ohne was zu sagen, und dann, am nächsten Morgen, war die Zahnfee nicht da gewesen, gar nichts. Eine empirische Studie. Wie gesagt, der ultimative Beweis. Voila.
Nun sind wir endlich da, wieder am grünen Fluss, wie so oft im Sommer. Der Zahn fällt aus. Endlich, halleluja, Lily behält ihre Wackelzähne akribisch lang. Vielleicht bringt mir die Fee ja doch die Lupe vom kleinen Laden bei der Reception, meint Lily und schaut mich dazu an. Immerhin soll doch die Fee noch daran glauben. (Und sie meint hier meine kleine Fee, natürlich). Und das tut sie auch, die alte Zahnfee, also ich, so langsam wird das alles ein bisschen verwirrlich, mit den ganzen Feen. Ich kaufe die Lupe, wir suchen den Glitzerspray, Himself schreibt ein Brief auf Französisch. «Pour que tu va decouvrir plein des petites choses géniales!», Glitzer überall. Am nächsten wackelt kurz Lilys Zweifel. Das warst DOCH du! sagt sie schliesslich.
So, jetzt aber erstmal genug von Zähnen und ihren Feen, und Goldspray und Lupen. Zurück zu meiner schlechten Laune. Oder zur allgemeinen schlechten Laune besser gesagt. Die hat uns nämlich alle befallen, Himself, die Fee, Lily. Hitze, halt. Der grüne Fluss fliesst, bloss badet niemand darin. Baignade interdite, sagen die Warnschilder, zu viele Bakterien, sagt die Frau an der Reception, der Sommer ist zu heiss. Die Natur leidet. Wir leiden mit. Und meine schlechte Laune ist nur ein Hintergrundrauschen in dieser Katastrophe, die sich nun immer öfter zeigt.
Wir sind etwas verloren, an diesem grünen, durstigen Fluss, in dieser Hitze, in dieser schlechten Laune. Die Mädels tauchen im Pool, springen, hüpfen, kreischen, schwimmen von einer Seite zur anderen, schnell und sehr stolz. Langsam finden wir uns wieder. Erst und selbst, und dann einander. Langsam findet uns die Ruhe. Auch hier. Na ja, manchmal, zumindest. Gerade jetzt sitze ich unter der durstigen Platane, die raschelt wie im Herbst, und immer mal wieder Blätter fallen lässt. Wir trinken unseren Kaffee, draussen, im noch kühlen Morgen. Sanftes, grünes Licht, ein Rauschen, ein Zwitschern. Eine Meise landet auf meinem Bein. Ich kreische auf, die Meise fliegt etwas überfordert weg. Ich habe meinen Kaffee verschüttet. Du wärst aber eine schlechte Disneyprinzessin, sagt Himself. Die Meise kommt wieder angehüpft, sie frühstückt nun vom Stück Baguette, das die Fee gestern liegen gelassen hatte. Ein grüner Fluss, blaue Falter, blaue Libellen, ein Stück Frieden, ein bisschen Zeit, endlich, ein bisschen Ruhe, die Meise, ein Buchfink, die Fee wirft ihm das Stück Baguette zu. Hier, dein Frühstück. Mit Brot nach Spatzen werfen, ist das ein Sprichwort? Wir essen Frühstück, den Blick auf dem grünen Fluss. Es riecht nach Baguette, nach Croissants, nach Chlor, und ehrlicherweise auch nach französischem Stinkekäse und dem durstigen Fluss. Die Tage sind klebrig. Von der Hitze, und der Sonnencreme. Überall hats Fliegen, die Luft steht. Der frühe Morgen und der späte Abend sind erträglich. Dann, wenn die Farben sich verwaschen. Dann, wenn der grüne Fluss ganz grau wird, so grau, dass man kaum noch den Reiher darin erkennt, der sich wie jeden Abend an dieser Stelle sein Abendessen holt. Wenn der Himmel noch hell ist, die Bäume aber bereits dunkel, und sich wie Scherenschnitte davor abheben, die Schwalben noch darüber zischen. Wieder stinkt Fluss. Das tut er halt, meint Lily. Abends. Da kann er auch nichts dafür.
Dann kommt die Nacht. Ein neuer Morgen. Die Fee wird fünf. Fünf! Wie kann das sein? Endlich kann sie ihre Geschenke auspacken, Rollschuhe, ein Set Sylvanian Families, eine Zeichentafel, ein Buch. Sie wünscht sich «im Pool baden» und Lachspie, ihr ist aber der ganze Tag nicht wohl, und mag kaum was essen. Sie geniesst es, mit mir im einzigen badbaren Wasserloch zu schwimmen. Ich hoffe, dass sie genügend Chlor in den Campingpool schütten. Ich balanciere den Bauch der Fee auf meiner Hand, sie schwimmt. Ich tanze mit ihr Wasserwalzer. Ich drücke sie an mich, und sage: vor fünf Jahren waren wir schonmal zusammen in einem Pool, und sie versteht mich nicht. Ich schwimme mit Lily Längen. Wir schleichen uns zurück zu unserem Platz, zum Schatten unter der Wasserweide, von Schatten zu Schatten, der sich in der Abendsonne immer rarer macht; und immer mal wieder in den Wohnwagen, den wir klimatisieren müssen, so drückend heiss ist es. Wir schauen uns einen Film an, trinken Limonade.
Gerade sind sie wieder los, Himself und die Mädchen, nochmals in den übervollen Pool. Ich bleibe sitzen. Ich versuche zu schreiben, aber auch meine Gedanken verdampfen. Die Fee wird immer kränker, und das an ihrem Geburtstag, und das in dieser Hitze. Zitternd liegt sie unter einer dicken Decke in meinem Arm. Es ist achtuhrdrei, als ich auf die Uhr schaue. Genau die Uhrzeit, an der sie auf die Welt gekommen ist. Sie fühlt sich an wie eine Bettflasche. Eine unruhige noch dazu. Sie schläft früh ein, wacht immer wieder auf, jammert, fühlt sich unwohl. Irgendwo lärmen Leute. Drei Ehepaare mittleren Alters. Sie waren mir bereits suspekt, als ihre drei Minizelte und den Riesenpavillon mit Tisch und etlichen Weinflaschen aufgestellt hatten. Am nächsten Morgen werde ich von einer Fliege geweckt. Kann mich denn nie jemand mal in Ruhe lassen, denke ich, und wieder sitze ich am Fluss. Es ist noch kühl. Ein Reiher zeigt sich, fliegt, landet, stakst, fliegt wieder davon, hübsch sieht er aus im kühlen Morgenlicht, ganz weiss. Ist das ein Seidenreiher? denke ich mir, und was macht der hier? Hat er den Abflug verpasst? Oder hatte er einfach genug vom Gequake der anderen? Quaken Reiher überhaupt? Ich weiss bloss, wie sie streiten, wenn einer im Fischerrevier des anderen landet. Dann aber knurren sie mehr. Oder rasseln. Jedenfalls verstehe ich den einsamen Vogel. In dieser Hitze weiss ich auch nie wohin mit mir, fühle mich nicht wohl mit mir, und auch nicht wohl mit anderen, eigentlich so nirgends wirklich wohl. Ich will weg, ich will hier sein, ich will bleiben, ich will gehen, ich finde es mal wunderschön (gerade jetzt in der Morgenkühle, im Morgenlicht, in der Stille, draussen am Fluss), dann wieder unerträglich (zu eng im Wohnwagen, zu heiss draussen, einmal zu alles, alles zu viel, zu hell, zu grell, alles stinkt, und nicht nur der Fluss). Manchmal, wenn es mir zu bunt wird, lasse ich sie ungeniert Bluey schauen. Manchmal beschwert sich Lily dann, dass ich nie so lustig mit ihnen spiele wie Blueys Eltern das tun. Ich wünsche mir, ich könnte einfach rasseln, wie der Reiher, und dann davonfliegen, oder staksen, oder was auch immer. Ich finde mich, ich verliere mich, ich finde mich, ich verliere mich wieder. Das Abendlicht ist sanft. Die Nacht ist heiss. Der Morgen ist kühl. Die Bäume sind durstig. Ich hoffe auf Regen. Over and Out.
Over and Out und Hallo zurück aus den ungemütlichsten Ferien aller Zeiten. Die Woche Streit und Regen mit Himself in Schottland waren ein Fliegendreck dagegen. Fliegendrecks hats hier übrigens überall, da überall Fliegen. Regen! Das wärs! Ich träume wieder von Regen. Wir gehen uns alle und kreisrund auf die Nerven, sind gereizter, und irgendwie weiter entfernt voneinander, als mir grad lieb ist. Auch wenn ich weiss, dass Beziehung leben ein bisschen ist wie Handorgel spielen. Manchmal ist man sich näher, manchmal ist man sich weiter entfernt. Gerade dehnt sich die Orgel, der Geduldsfaden spannt sich, und manchmal, ehrlicherweise, reisst er auch. Ich wünsche mir, zum siebentausendsten Mal, ich wäre geduldiger. Ich atme. Ein und Aus. Aus und Ein. Eins, Zwei. Drei. Vier. Ich bin wehmütig. Nach einer Zeit, in der wir uns näher waren, vielleicht. Nach einer Zeit, in der sich die Erschöpfung weniger komplett anfühlte. Weniger kompetent vielleicht auch. Sie ist mittlerweile ein ziemlicher Profi. Ich sehne mich nach einer Zeit, in der wir nicht alle gleichzeitig tauchen, ich sehne mich nach Regen und Schnee und Eis und Kaminfeuerabenden und Kerzenschein und Schaumbad. Wenn`s zu heiss wird, verliere ich mich, fühle ich mich nicht mehr richtig. Ich schaue mir alte Fotos an, sehne mich nach leichteren Zeiten, fürchte die kommenden. Da ist sie wieder. Die gute, alte Angst, die macht, was sie grad will. Ich sorge mich um den Kindergartenstart, die Schule, meine Vorsorge, die Wohnsituation, plansche in: wenn doch nur, oder hätten wir, in was wäre, in vielleicht, hätte, sollte, könnte.
Wir fahren zurück, wieder über den Jura, knorrlige Bäume, Tannenwälder, Felder, Strommasten, Pferde, Kühe, Höfe, Kurven, Trockenheit und noch immer diese gnadenlose Sonne, Streit im Auto, Heimweh und Fernweh und einmal alles dazwischen. Ankommen unter einem statischen Himmel, auch hier sind überall Fliegen. Am Abend mache ich mich mit Lily auf einen Spaziergang. Nur wir zwei. Erzähl mir vom Moses, sagt sie, weil wir zusammen eine Geschichte gelesen hatten, Seeräubermoses, von einem Mädchen, das in einer Waschbalje von Seeräubern aufgegabelt wurde, und jetzt will sie die Geschichte vom «echten Moses.» Also erzähle ich vom Binsenkorb und der ägyptischen Prinzessin, und vom Dornbusch, vom sich teilenden Meer, und von der gnadenlosen Sonne über einer gnadenlosen Wüste. Und was haben sie da gegessen? fragt sie. Das war so, sage ich, die hatten so ein Ding. Ein Brot? Nein süss wars, war es vielleicht ein süsses Brot? Auf jeden Fall hatten sie davon, und immer genug, aber immer nur genug für den einen Tag, nie konnten sie es aufbewahren. Es gab immer nur das Manna vom heutigen Tag.
Ha! Das Manna vom heutigen Tag.
Und das sage ausgerechnet ich, ausgerechnet heute mit meiner Wehmut nach Vorgestern, und meinen vorsorglichen Sorgen auf Übermorgen. Die Sonne schwebt nun über dem Horizont, es ist noch immer heiss, der Wald ist eine Silhouette aus Dunkel und Schatten. Wir gehen weiter. Wir spielen verkehrte Welt. Nennen die Pferde Velos und die Vögel Mäuse, und die Hände Füsse, gib mir deinen Fuss, sage ich und Fuss in Fuss gehen wir weiter.
Meine Sehnsucht geht mir.
Meine Wehmut.
Meine vorsorglichen Sorgen, meine Angst.
Und trotzdem.
Manna ernten.
Genau jetzt. Genau hier.
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