Von der Kunst, im Kitsch zu landen

Die Tage sind voll. Wie Oktoberfestbesucher, oder wie das Wohnzimmer von einem Messi: zu voll. Der Alltag zu atemlos, die Nächte zu schlaflos und die Abrutschgefahr zu groß. Mit einem Bein stehe ich fest auf dem Boden, das andere schwankt bedrohlich über einer mitternachtsdunklen Tiefe. Ich versuche, die Tage aufzuräumen, und lese Nachdenken über Christa T.

Lebst du jetzt, wirklich? In diesem Augenblick, ganz und gar? Wann, wenn nicht jetzt?

Diese Worte tanzen mir entgegen. Und so male ich mir meinen Wunschalltag bunt aus. Einen Alltag, in dem ich mich weniger in Zukunftsgedanken verheddere, weniger über schlecht geschmiedete Pläne stolpere und darab das Hier und Jetzt, das Ganz & Gar vergesse, den Storch, der im Regen ausharrt und den Himmel vor dem Fenster, den nächsten Atemzug. Ich wünsche mir Ganz & Gars, die leicht sind und luftig und süß, wie gutes Schokoladenmousse und reif und voll und geduldig, wie guter Wein. Ich hoffe, dass ich den Kleinen zeigen kann, dass der Alltag anders sein kann, langsamer, ein Nein okay und Grenzen wichtig sind und wo Wichtiges einen Platz bekommt. Wichtiges, keine To – dos, nicht Dringendes, nicht unverschämt Drängelndes, einfach Wichtiges.

Die Woche rollt heran und dann rollt sie sich aus und sie ist wie immer ein wenig zu atemlos und ein wenig zu schlaflos. Ich sammle kleine Glücksmomente. Versuche die Langsamkeit aus. Bin manchmal ungeduldig. Backe Brot. Wer Brot zu backen wisse, kenne die Formel für ein glückliches Leben. Mehl, Wasser und Salz? Einfachheit? Ruhezeiten? Reifen lassen? Einen weichen Kern, aber Biss?

Beinah über Nacht wird es Frühling. Am Freitag bringe ich Lily in die Spielgruppe. Eine schwarze Katze spaziert gemütlich von links nach rechts über die Straße und ich bin mir nicht sicher, wie abergläubisch ich eigentlich bin. Doch der Tag verläuft zum Glück ohne Pech. Lily spielt beim Mittagessen Giraffe und vertilgt eine Unmenge Bäume … äh, Brokkoli. Die Fee klettert über den Zaun und rennt auf und davon, so schnell, dass ich und meine Adiletten sie erst beim Stall wieder einholen. Ich finde einen Moment zum Schreiben. Beim Tippen herrscht jedoch wieder Absturzgefahr. Zack, ich rutsche, und halte mich nur noch knapp an den Frühlingszweigen fest. Doch meine Stiefel sind schon voller Kitsch. Egal. Egal, wie kitschig es klingt, ich kritzle die Buchstaben stolz: tu was dich glücklich macht. Tu es! Es gibt so viel Schönheit, alles, was wir manchmal tun müssen, ist lernen, sie neu zu sehen.

Dann schüttle ich meine Stiefel aus und spaziere mit offenen Augen in die neue Woche.

Gesammelte Wochenendeindrücke

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