Videotagebuch Kapitel 2 – Graubereiche

Im Radio reden sie über Graubereiche, und passender könnte dies nicht sein, der Tag zeigt sich grau in grau. Grauer Himmel, graue Häuser, graue Strassen, selbst ein neues graues Haar habe ich entdeckt. Lily geht in die Spielgruppe, hüpft davon, leicht und klein und immer kleiner auf dem Weg zum Waldplatz. Ich packe die Fee in den Kinderwagen – los gehts, der Wagen holpert über Kies, in den Wald hinein, manchmal bleiben die Räder im Matsch fast stecken. Es ist kalt und wintergrau und in den tiefliegenden Regenwolken schwebt meine Messlatte, was ist mich bloss angekommen, sie so hoch anzusetzen?

Die Fee schläft ein. Es ist ein grauer Wintertag, doch im Wald gibt es immer noch kleine Herbstschönheiten. 

Als wir Lily abholen, baumelt die Messlatte immer noch zu hoch. Hier unten grantle ich mich durch den Nachmittag, nicht sonderlich geduldig. Wenn ich noch einmal Paw Patrol höre, räume ich den Fernseher nullkommanix in den Keller, drohe ich an, und finde mich selbst grad nicht sonderlich sympathisch. So schaukeln wir uns gegenseitig hoch. Es regnet. Irgendwann scheint die Sonne. Ich koche Fajitas und als die Sauce köchelt, zeigt sich ein schwacher Regenbogen vor dem Fenster. Dann wird es dunkel und still, und Lily will über die Planeten reden. Warum ist der rote Mars kalt? Warum hat die Erde nicht zwei Monde? Die Messlatte senkt sich, und wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, erwische ich sie gerade so. Ich schiebe sie unters staubige Bett. Wenn ich so drüber nachdenke, steht wohl auf keinem Grabstein ihr Haushalt war immer tadellos – na ja, jedenfalls hoffe ich das. Welche Worte möchte ich irgendwann auf meinem Grabstein? Wie möchte ich mein eigenes Leben leben, so dass es sich für mich richtig anfühlt. Richtig leben. Es ist so einfach, sich zu verheddern. In to – dos, in destruktiven, zu hoch angesetzten Messlatten, the sky is the limit. In Anforderungen an mich selbst. An welche von draussen, doch die Andern sollen sich bitteschön erstmal um ihre eigene Inschrift kümmern. Oftmals jufeln wir vorbei, an den Dingen, die das Leben erst richtig lebenswert machen, wir stressen vorbei und pützeln vorbei, vergleichen uns und machen uns dabei gross und wichtig und klein und runter.

Ich weiss. Ich weiss, wies es im normalen Alltag mit kleinen Kindern aussieht, wenn man einmal blinzelt. Zähnbürstchen im Wohnzimmer, aufgerolltes Klopapier, Überschwemmungen, Wäsche, Essensreste, Kinder, die angezogen werden müssen, raus aus dem Haus, Termine, Mittagessen, Essensreste, überall. Die ganze Alltagsmühle halt, sie dreht jeden Tag aufs Neue. Doch vielleicht kann ich ja lernen, selbstbewusster zu bestimmen, wie schnell die Mühle drehen soll und welches Korn auch ein anderes Mal gemahlen werden kann; oder gar nicht. Die Küche hat geglänzt, das war immer schön, wird wohl weniger gerne erinnert, als etwa, sie war da, wenn ich sie brauchte.

Die eigene Zufreiedenheit braucht ihre eigenen Zeitfenster. Nichtstun ist genau so wichtig wie Korn mahlen. Die grossen Fragen träumen und schlummern und klopfen und können nur gelebt werden, wenn das Rad auch mal stehen bleibt. Jetzt ist Abend, die beiden Mädchen schlafen, Himself kocht Tee und wir schauen TV, irgendwas über Archäologie, ich bin nur halb bei der Sache, tippe in mein Handy; Geschichten über Messlatten und Regentage und Neuanfänge. Ich zünde eine Kerze an. Der Regenbogen zeigt sich wieder, jedenfalls wenn ich schiele und die Augen zusammen kneife, dann beginnt er, in der Flamme zu tanzen, im Kreis und flackernd und klein. Irgendwer hat mal gesagt, man könne auf zwei Arten leuchten, als Kerze oder als Spiegelung im Spiegel. Wer war das bloss? Ich google, finde aber nur Artikel über Lampensockel und Lichtquellen. Dann werde ich fündig – es gibt zwei Arten für Licht zu sorgen. Man kann die Kerze sein, oder der Spiegel, der sie reflektiert. – Edith Wharton.

Wies mir geht, fragt Himself mich. Er wundert sich wohl, was ich da vor mich herschiele. Gut, sage ich und drücke seine Hand. Ich habe die doofe Messlatte runtergeholt, und an meinen Grabstein gedacht ind all die wunderbaren kleinen Dinge, die gelebt werden wollen, und dass ich mich nicht daran messen will, wie sauber der Boden oder wie ordentlich Küche oder wie leuchtend der Schein.

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2 Kommentare

  1. Hach, war das wieder schön Dir zu lauschen. Liebevoll betrachte ich mein chaotisches Zimmer. Wie ich das immer hinbekommen in NullKommaNichts und ganz ohne Kinder. Meine Katze hat ein Plätzchen zum Schlafen gefunden, ihr ist das wurscht. Herzensgrüße, Susanne

    1. Katzen sind weise Tiere 😉😊 Herzengrüsse zurück

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