Videotagebuch Nr. 1 – schwarze Perlen

Die schlaflosen Nächte reihen sich aneinander, wie schwarze Perlen an einer ziemlich zerbrechlichen Kette. Samstagnachmittag, nach Lilys Schwimmkurs, packt Himself einen kleinen Koffer, die Mädchen ins Auto und zusammen fahren sie zu seinen Eltern, damit ich mal wieder eine Nacht schlafen kann. Kurz fühle ich mich orientierungslos, dann fast panisch – es gibt so viel, das ich machen möchte. Die Zeit breitet sich aus und ich stolpere beinahe über sie. Dann schlafe ich. 

Endlich mal wieder eine Nacht durch, ich wache auf, weil mir die Brüste weh tun, und kann glauben, dass bereits Morgen ist. Verzweifelt suche ich die Milchpumpe, trinke dann Kaffee und schaue zu, wie das erste Licht in den Tag fließt. Ich schaue aufs Handy. Noch keine Nachricht von Himself. Wie lief es? schreibe ich ihm. Ein Weilchen kommt keine Antwort, dann ein Foto von den beiden. Ihr seht müde aus, schreibe ich zurück, doch er schickt ein zufriedenes Emoji. Gut.

Draußen ist es schön, frisch, ein Mittelding zwischen Herbst und Winter, der Himmel gesprenkelt mit großen, hellen Wolken. Die Wälder noch immer bunt, gleichzeitig stehen bereits viele Bäume nackt da und frieren. Sie zeigen ihre Äste und Zweige als große Lungen. Der Wind bläst mir kalt um die Nase, aber das ist mir egal. Ich gehe durch den Wald, über Matsch und Steine. Hier würde ich normalerweise nicht durchlaufen, der Kinderwagen wäre schon lange steckengeblieben. Ich merke, dass mich das allein im Wald sein fast ein bisschen unsicher macht. Eine Elster erschreckt mich, oder wohl besser gesagt, ich sie. Amseln rascheln im Unterholz. Auf der Weide grasen noch Pferde und Kühe, der Wind lässt ein Band flattern. Ein Raubvogel kreist hungrig, hält Ausschau. Drei Krähen formen sich zu einer Gang, setzen sich auf den hohen Strommasten und beäugen den Raubvogel misstrauisch. Irgendwo brummt ein Flugzeug. Es ist still. Es raschelt.

Die Kieselsteine knirschen unter meinen Füssen. Es tut gut, ausziehen zu können. Normalerweise warte ich hier auf die Fee, die eifrig die kleinen grauen Steine sammelt und in den Wagen schmeißt. Beim großen Haus stehen zwei Pferde, ein dunkles und ein weißes. Ich schicke sie Lily und schreibe ich habe Amadeus und Sabrina gefunden dazu. Die Raben, die eben noch auf dem Strommast saßen, fliegen übers Feld. Ich sehe einen Falken. Er wedelt in der Luft, lässt sich dann in die Tiefe fallen. Ich hoffe für ihn, dass er die Maus erwischt. Ich hoffe für die Maus, dass er dies nicht tut. Mit meinem Widerspruch gehe ich weiter. Gerne hätte ich den Falken gefilmt, doch er verzieht sich, fliegt schnell und leicht über die Dächer davon. Vielleicht erinnert er mich daran, die Dinge im Moment zu genießen.

Zu Hause schleicht sich das schlechte Gewissen an. Huhu! ruft es. Wenn ich ehrlich bin, lungerte es schon die ganze Zeit rum. Das größte Geschenk, das wir unseren Kindern geben können, ist unsere eigene Zufriedenheit. Unser eigenes Glücklichsein, welches die Beziehung zu den Kleinen warm und stark macht. Dazu gehört, die eigenen Batterien aufzuladen, vollzuladen, aufzutanken, mal wieder durchzuschlafen und mit offenen Armen auf sie zu warten. Von ihren Abenteuern zu hören und die Ruhe in mir zu tragen, in den Taschen noch immer freie weite Zeit, gesammelt wie Kieselsteine auf einem langen, einsamen Spaziergang. 

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3 Kommentare

  1. Wie schön, dass dir der Wald Kraft, die frische Luft Sauerstoff und das Alleinsein eine kleine Freiheit gegeben hat. Ja, dies alles braucht man, um zu sich selbst zu kommen und um bei sich selbst zu sein. Um sich selbst zu spüren.

  2. Liebe Nina, es ist so schön Deine Stimme zu hören. Ich habe nicht alles verstanden, aber mein Herz versteht alles. Ich bin sehr berührt. Ich wünsche Euch noch schöne Tage und für Dich ein paar Mußestunden. Drücke Dich, Susanne

    1. Danke dir liebe Susanne😊 es hat mir einen riesen Spass gemacht, Bilder, Text und Stimme zusammenzufügen. Ich denke an dich und hoffe dir geht es gut und drücke dich

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