Staubwolken & Geschichten

Die Tage rennen davon. Klingt nach Klischee, ist aber beunruhigend wahr. Wie können sie nur so schnell sein? Sie rennen und hinterlassen Staubwolken und Erinnerung. Manchmal schimmert sie, manchmal ist sie dumpf und stumpf, so dass ich ihr am liebsten i schiesse di i Küdel zurufen möchte, wie Lily dies tut, wenn sie wütend ist. Manchmal kann ich mich an scheinbar gewöhnliche Erlebnisse erinnern – glasklar und noch Jahre später. Die meisten fallen jedoch still und stumm durch weite Maschen; manche wiederum verarbeite ich in meinem Kopf zu funkelnden Geschichten. Als würde ich ein vergilbtes Foto nehmen, und es mit frischen Farben neu bepinseln.

Ich stöbere in alten Tagebüchern. Da, ein alter Eintrag zwinkert mir zu. August 2017 Ich sollte in einer einsamen Hütte leben, ohne Internetanschluss und ohne TV – Empfang und tagelang regnen sollte es. Dann würde ich eine Geschichte erzählen. Aber welche? Vom Leben, vom einsam – sein, von einer kleinen Hütte im Wald. Ich weiß, dass ich schreiben kann, ich weiß bloß nicht, worüber. Was kann ich erzählen, was will ich erzählen? Über das Leben. Übers Nicht – Joggen – gehen, Streit – Suchen, einen Tag auf der Autobahn. Über Selbstgespräche vor dem Schokoladenregal.

Mal ehrlich: der grösste Teil unserer Geschichten setzt sich aus stinklangweiligem Alltag zusammen, aus kleinen Ritualen; und ein bisschen Schokolade. Darum versuche ich Schönheit einzufangen, wo ich sie finde. Auch im Alltagschaos, dann, wenn ein Riesengeheul angestimmt wird, weil «die Socke drückt». Dann, wenn unbedingt, unbedingt, unbedingt eine dritte Folge Paw Patrol gewünscht wird, und zwar so laut, dass ich fürchte, die Nachbarn rufen gleich die Polizei. Ich suche Bedeutung in Schönheit, Schönheit zwischen dreckigen Töpfen und Magie unter Legosteinen. Kritzle Notizen auf Papier. Der Herbst klingt nach Tom Rosenthal. Er riecht nach Vanillemuffins und gebackenem Kürbis. Genauso gut hätte ich allerdings auch der Herbst klingt nach Kindergeschrei. Er riecht nach vollen Windeln und Sehnsucht schreiben können.

Manchmal denke ich darüber nach, wie anders die Geschichten auch sein könnten. Wenn ich statt links rechts gelaufen wäre oder vielleicht im Kreis. Wenn ich doch englische Literatur studiert hätte, oder an jenem Abend, als Himself und ich uns über den Weg liefen, zu Hause geblieben wäre. Wenn das Auto schneller in uns gekracht wäre, oder das Glück zu langsam mitgefahren. Es gibt so viele Parallelgeschichten, die wahr sein könnten und es vielleicht auch sind, in anderen Welten, nur einen Türgriff entfernt.

Diese Welt ist voller Geschichten. Wahrscheinlich versuchen wir, Sinn und Bedeutung ins Leben zu erzählen. Wir weben die Geschichten neu, aus Kunst und Stoff. Vielleicht sind sie unser grosses Trotzdem, das grosse Suchen, das Nachtlicht. Die Wahrheit in Bedeutung. Zwischen den Zeilen lebt Abenteuer und Stille. In ihr ist alles möglich, in ihr sind die Taschen voller Ideen, aus ihr kann alles entstehen. Das Ohr ist schlauer als der Mund und die Seele weiser als der geschwätzige Kopf und ich eine mittelmässige Philosophin.

Und allein zu Haus. Denn Himself ist für zehn lange Tage in den USA. Der Alltag wird gross und schwerer zu buckeln, die Zeilen rücken näher zusammen. Ich schiele. Auch auf die Fotos, die Überseehimself mir schickt – bunte Bäume, Bagel, Welpen. Dann schaue ich mit hochgezogenen Augenbrauen über den Teich. Es ist anstrengend. In Grossbuchstaben. ANSTRENGEND. (Wie machen dies Alleinerziehende bloss!?!). An Tag 5 ist die Luft besonders dünn. Ich denke an den Oreos Aufräumvergleich – dass aufräumen mit Kindern gleich effizient sei wie oreoessendes Zähneputzen. Wusle ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück tanzend durch die Wohnung. Rolle das Klopapier wieder auf, das die Fee quer durch die Wohnung aufgerannt hatte. Fische die Bodys aus dem Klo, die sie darin schwimmen liess. Versuche, den Status Quo aufrecht zu halten, den Kleinen gerecht zu werden – und mir selbst. Doch nun kriege ich Lust auf Oreos. Da ich keine im Haus habe und schon gar nicht die Energie, die Mädels einzupacken, Schuhe, Jacken, Schlüssel, sie raus ins Auto und rein in den Laden zu kriegen, suche ich mir einen tauglicheren Gedanken. Ich begegne jedem Moment, wie er gerade ist. Ein Freiheitsfenster öffnet sich einen Spalt weit auf. Trotzdem schiebe ich irgendwann einen kleinen Wutball vor mich her; und fühle mich allein. Lily stellt sich vor mich hin.

„Mama, wieso hat ein Auto Räder?“ 

„Damit es fahren kann“. 

„Warum?“

 „Weil es dazu gebaut wurde“. 

„Warum?“ 

„Um von A nach B zu kommen“. 

„Warum?“ 

„Ich weiß nicht, vielleicht, um jemanden besuchen“. 

„Warum?“ 

„Weil es Freunde sind“ 

„Warum?“ 

„Darum halt“ 

„Und warum hat das Auto nun Räder?“ 

„Damit es fahren kann“. 

„Warum?“ „

„Weil die Räder sich drehen und das Auto so vorwärtskommt“.

„Warum?“ 

GottgibmirKraft.

„Weil sie seine Füße sind“. 

aha murmelt Lily zufrieden und spielt mit ihrem Schleichstall weiter. Aha.

Am Abend nehme ich eine Dusche – bloss um mal eine kurze Pause zu kriegen. Unter dem heißen Strahl schließe ich die Augen. Die Fee heult vor dem Vorhang und reißt ungeduldig daran…. ich begegne jedem Moment, wie er ist… Dampf, weiches Frotteetuch, Nachtlicht, Gutenachtgeschichte. Mitten in der Nacht weckt mich die Fee mit einem lauten Schrei. Anschließend spielt der Schlaf Verstecken; er ist außerordentlich gut darin und der Wutball beginnt nun, wild im Zimmer herumzuhüpfen. Er verliert (wie so manches in der Nacht) seine Proportionen und wird grösser und grösser, bis er schließlich grollend im Zimmer herumrollt. Ich nehme jeden Moment, wie er ist und setze ihm nichts entgegen, denke ich wieder und lehne mich dann weit aus dem Freiheitsfenster. Einzelne Sterne funkeln in der kalten Herbstnacht.

Sinnsuche. Nordstern, Nachtlichter; ein kleines Licht, das auch unter der Dunkelheit schimmert; wie Leben unterm Tod.

PS: Als Himself endlich wieder zu Hause ist, hat er einen Koffer voller Geschenke dabei. Bücher über Raketen und den Weltraum für die Mädels und Ohrringe und eine Kaffeetasse für mich. Schaut mal, was drauf steht.

In the end we‘ll all become our stories…
Share this Post

6 Kommentare

  1. Wenn du das nächste Mal alleine mit den Kindern bist, musst du unbedingt Oreon-Kekse bunkern 😉.

    Ich wollte auch Mal amerikanische Literatur studieren und habe es mir dann anders überlegt. Sliding-Door-Momenten sind auf jeden Fall in jeglicher Hinsicht faszinierend.

    Alles Gute!

    1. Eine gute Idee 😋

      Spannend!
      Dir auch alles Gute☺️

  2. Bin Dir gefolgt in Deinen Alltag, den Du so wundervoll ehrlich beschreibst. Danke Dir dafür. Herzensgrüße, Susanne

    1. Danke dir, liebe Susanne. Herzensgrüsse zurück

    2. Liebe Nina
      Mein Grosi sagte immer: „Stell dein Licht nicht unter einen Scheffel“.
      Nun sage ich dir das auch. Lege diese Bescheidenheit ab, du bist keine mittelmässige Philosophin. Bei einer solchen würde ich gewiss nicht bei so zahlreichen Texten weinen müssen. Du bist spitze! 🥰

      1. Liebe Linda, vielen Dank für deine Worte 💙 gehen mir grad ins Herz. 😘

Kommentar verfassen