Ich. Im Irgendwo zwischen Mary Poppins und Rumpelstilzchen.

Ich versuchte zu schreiben. Doch die Gedanken spielten Verstecken und die Worte machten sich hart und krümelig, blieben im Hals stecken und zerbröselten unter meinen Fingerspitzen. So war ich kurz davor, die Wortbrosmen nach „Geschreibsel“ zu verbannen, in den Ordner also, in dem sie alle landen, die Texte, die sich wie geschriebene Kritzeleien anfühlen.

Doch dort gehört der Text nicht hin. Er ist kein Geschreibsel. Er ist zu ehrlich, denn er erzählt von meinen Grenzen. Er erzählt von den Momenten, in denen ich plötzlich bedrohlicher fauche als der Löwe in Lilys Tierdoku, von den Momenten, in denen sich in mir so viel Druck aufgebaut hat, dass mir der Dampf nur so aus den Ohren zischt und ich es reeeeeeicht mir!! fauche, ganz der Dokulöwe, und meine Pranken in die Seiten stemme und dazu wild blicke und knurre.

Er erzählt von den Frühsommerabenden, an denen ich mich für mein Löwengehabe schäme und meinen Kopf unterm Kissen vergrabe, während der Mond sein sanftes Licht über die Dächer schickt.

Er erzählt von einer Wut, auf die einen Niemand vorbereitet. Wenn man Kinder kriegt, wird vom wenig Schlaf und Windeln wechseln erzählt, von den andern Müttern auf dem Spielplatz, vom Geäugt- und Beurteilt – Werden, aber niemand sagt dir: irgendwann kommst du an den Punkt, an dem du dich aufführen wirst wie Rumpelstilzchen, der gerade beim Namen genannt wurde und dies, obwohl du soviel weißt: du weißt, dass dies nix bringt, weder dir, noch deinen Kindern, noch eurer Beziehung, noch deiner Gesundheit, noch irgendwem oder irgendwas und dennoch, ich garantiere dir: ab und an, da wirst du rumpeln wie ein Stilzchen. Stilzchen wie ein Rumpel.

Der Text geht um unsere Grenzen und darum, wie wir diese besser schützen können. Er geht um den Balanceakt zwischen Mary Poppins und Rumpelstilzchen. Er geht um Verständnis. Um die Wichtigkeit, sich nicht immer zuhinterst anzustellen. Um simple Mathematik; darum, dass wir nicht geben können, was nicht vorhanden ist, wir unsere eigene Bilanz ins Positive bringen und uns erst selbst Geduld, Verständnis, Ruhe- und Erholungsphasen gönnen müssen; dass aus dem Leeren nicht geschöpft werden kann und schon gar nicht voll; dass zu bezahlen, ohne auf die erforderlichen Ressourcen zurückgreifen zu können, bekanntlich teuer wird. Es geht darum, dass Grenzen ihre Berechtigung haben. Das Leben mit kleinen Kindern ist nicht als one man -, respektive one woman – show gedacht und doch ist genau dies oft unsere Realität. Selbst wenn die Liebe zu den kleinen Menschchen grösser ist als die Welt selbst, sollten wir unsere Grenzen doch heilighalten. Stell dir vor du wärst im Büro und deine Mitarbeiter möchten dir überall, und ich meine überall hin folgen, dir beim Essen auf dem Schoss sitzen, mit ihren Händen in dein Gesicht patschen, nur neben dir schlafen können, dich ankrähen, oder stundenlang deinen Ellbogen halten wollen… das wäre doch verrückt und ein ich brauch mal Pause die Mindeste aller Reaktionen. Warum fällt uns als Mutter dieses ich brauche mal Pause so schwer?

Welche Bilder halten wir noch immer hoch? Und wieso? Warum halten wir uns an einen Perfektionsanspruch, mit dem wir schlussendlich Niemandem gerecht werden? Wie komme ich zu einem gesünderes Ich, das die eigenen Grenzen besser respektiert und für die eigenen Bedürfnisse einstehen kann?

In meinem Haus da wohne ich, da schlafe ich, da esse ich,und wenn du willst, dann öffne ich die Tür und lass dich rein. In meinem Haus da lache ich, da weine ich, da träume ich. Und wenn ich will, dann schliesse ich die Tür und bin allein. 

Gina Ruck-Paquet

Die Worte machen sich krümelig. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gerne glänzende, schöne Lösungen hätte, mit einer hübschen Schleife drum. 

Voila. Hier. 

Doch: ich habe keine Ahnung. Bloss einen bunten Satz junger Ahnlinge: Wieder mein eigenes Haus werden. Gopfnomal aufhören, mich mit anderen zu vergleichen. An einem Tag werde ich nie alles gebacken kriegen: mal füllen wir die Zeit mit gemeinsamen Abenteuern und Geschichten, mal sieht’s vielleicht ordentlich aus; oder wir kochen zusammen oder ich was wirklich Leckeres, oder in der Waschküche sieht’s nicht mehr aus wie in einem stürmischen Herbstwald… doch nicht alles auf einmal. Wieder mehr Dinge tun, die mir Freude machen, nicht nur solche, die mittelmässig motiviert von einer Liste abgearbeitet werden. „Ich muss“ in die Ferien schicken. Oder zumindest in ein Wellnesswochenende, mit allem Drum & Dran. Im Gespräch sein: Was brauche ich? Himself? Wir? Was würden wir uns zaubern, wenn wir denn könnten? Welche Rettungsinseln gibt es und welche passen zu uns? Wie können wir uns organisieren, um diese in unseren Alltag zu integrieren? Genügend schlafen: ich spare so gern am Schlaf… noch weniger Zeit für mich, denke ich mir, doch: wo gibt es mehr Raum und Zeit und Erholung als in den tiefen, dunklen Traumwellen? Grosszügig sein: ein bisschen rumpeln ist nicht schlimm, immer nur Mary Poppins unecht und blöd. Es geht darum, eine Balance zu finden; zu erkennen, wann alle Ampeln auf grün geschalten werden können und wann Rückzug wichtig wird, sich nicht in Details zu verbeissen; in der Ruhe Kraft zu finden. In sich das gemütlichste Wohnzimmer einzurichten – mit Duftkerzen und Salzkristalllampen und Van Goghs Sternennacht, in den Schubladen Ressourcen und Strategien; dann, wenn alles aus den Fugen zu geraten scheint, wenn’s rundherum zupft und lärmt, schreit und kreischt und es sich einfach nicht lohnt, sich mit aufzuregen, sich auf dem inneren Sofa zurücklehnen zu können.

Die Tür auch mal zu schliessen.

Veränderung braucht ihre Zeit. Ihr try & error, ihre Ahnlinge. Ich pflanze sie ein. Lasse sie wachsen, im Regen und der Sonne, sammle Tau, schütze sie vor zu viel Frost, hoffe auf Bienen und Weisheit und Alltagshonig und erinnere mich: traue keinem Ort, an dem kein Unkraut wächst.

Ich hoffe euch gehts gut!

xx, nina


4 Antworten zu “Ich. Im Irgendwo zwischen Mary Poppins und Rumpelstilzchen.”

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