Es ist ein Morgen, samtig wie junge Perserkätzchen. Irgendwie habe ich für alles Zeit und Geduld und Kraft, sogar in Ruhe kochen kann ich. Aus dem Wohnzimmer höre ich Lilys Geplapper und leises Feengurren. Ich schneide Gemüse klein, mache sauber, rühre gemütlich im Topf. Sogar einen Kaffee braue ich mir. So ein Morgen mit den Kleinen ist doch ganz entspannt, denke ich mir. Dann erschrecke ich, denn als ich mich umdrehe, stehen mir stehen zwei Kaminfeger gegenüber. Also einer steht, der andere krabbelt.

„Mama, schau, wir haben die Pflanze ausgebuddelt“, sagt der Grössere der beiden stolz.

Ja, da war doch was: voilà, der ganz normale Alltag.

Wir werden krank. Kein Corona, einfach ganz normal krank, aber trotzdem. Himself muss arbeiten, da sein halbes Team in Quarantäne steckt, und ich jongliere den Alltag mit drei Triefnasen, üblem Kopfweh, und ziemlich viel Geschrei und Geweine. Das Geschrei und Geweine ist von den Kleinen, nicht von mir, jedenfalls noch nicht. Gelegentlich male ich mir aus, wie die Quarantänenmänner daheim auf dem Sofa lümmeln und sich darüber beschweren, dass sie einfach nicht wissen, was sie auf Netflix noch schauen sollen. Normalerweise würde ich jetzt jemanden um Hilfe fragen, aber mit Triefnase, Husten und Fieber ist man etwa ebenso beliebt wie die Zeugen Jehovas. Oder die Steuerverwaltung. „Mama, komm wir gehen spazieren“, bettelt Lily. Lily will nie raus und schon gar nicht spazieren. Draussen ist es grau, windig und regnerisch. Ausserdem fühlt sich mein Kopf an, als würde jemand mit einem Presslufthammer hineinbohren. (*Anmerkung: dies ist nur leicht übertrieben).

„Willst du nicht stattdessen ein bisschen Fernsehen“? frage ich und schlucke das schlechte Gewissen schnell herunter, es schmeckt bitter, wie ein letzter Schluck kaltgewordener Kaffee. Dann lasse ich die kleine Fee nah an mich gekuschelt einschlafen. Trotzdem: wir drei sind eine eingeschworene Triefnasentruppe: Oreos, Himbeerquark, Kräutertee, Hörspiele und „in – warme – Decken – einkuscheln“ bringen uns durch den grauen, kranken Tag. Irgendwann wird es Siri wohl langweilig, denn der AppleAirPod macht sich (einmal mehr) selbstständig und spielt Rammstein. Keine Ahnung, was Siri da wieder missverstanden hat. Lily tanzt wild durchs Wohnzimmer, ihr pinkfarbenes Einhorn unter den Arm geklemmt, die graue Strumpfhose liegt irgendwo in einer Ecke.

„Ich habe keine Lust, keine Lust“, singt sie.

„Lily“, sage ich irgendwann, „ziehst du deine Strumpfhose wieder an, kalte Füsse sind nicht gut, wenn…“

„Ich habe keine Lust“, singt sie mir zu, tanzt und schüttelt ihre Haare.

Immerhin scheint es ihr besser zu gehen.

Voilà, der ganz normale Alltag.

Wir fahren Auto. Dazu hören wir die für Lily unverzichtbare Autofahrmusik: ihre Kinderlieder – CD. Darauf singen verschiedene Kinder in verschiedenen Dialekten: Einige singen ganz okay andere etwas weniger und dann gibt’s noch jene, die, na ja… lassen wir das. Bloss ein welsches Kind konnten sie wohl um ihr Leben nicht finden, denke ich mir, als mit grossem agson sürlö po davi nio angestimmt wird. L‘on y danse, singt Lily fröhlich mit. Beim nächsten Lied sanktgallert es aus dem Autoradio – und aus dem Kindersitz. Sie nimmt Dialekte auf wie ein Hunde Flöhe. Ich wurde bereits gefragt, weshalb sie denn eigentlich baslere, oder bündnere und einmal, da hatte sie eine kurze Zürcher Phase. Wenn ich mitsinge, ist die CD eigentlich ganz okay, denke ich, jedenfalls wenn ich lauter bin als der Junge, der gerade mir Senne schreit, äh, singt…

Voilà.

In der Nacht träume ich, dass wir fliegen können, Himself und ich. Himself hat grosse Pläne, ich aber will „nur noch schnell mal nach Hause, um zu sehen, ob das Garagentor auch wirklich zu ist…“

War`s nicht, aber nun wache ich auf – und ärgere mich: da kann ich endlich fliegen und anstelle auf und davon zu segeln, lasse ich mich von Alltagskram bremsen. Nach dem Grounding liege ich nun im Bett, neben mir schläft die Fee, auf der anderen Seite spielt Lily mit ihren Autos. Manchmal, wenn das Spiel wild und laut wird, murmle ich ihr zu: „ein bisschen leiser, die Fee schläft“. Sie meint darauf, „i ha doch nume lislig güsset“, und ruft dann, dass sie sich ein „richtiges Einhorn“ wünsche. Ich erkläre ihr, dass diese sehr selten seien.

Aber warum? fragt sie mich.

Warum?

Ihre grosse Frage. Ihr kostbares Werkzeug, um die Welt besser verstehen zu wollen.

Warum ist der Morgen hell und die Nacht dunkel?

Warum leuchten die Sterne?

Warum schmilzt Schokolade?

Warum sind Menschen manchmal traurig?

Warum machen Fische blubb blubb?

Warum habe ich heute meine Schuhe angezogen?

Warum gibt es Affen?

Hunde?

Wölfe?

Kängurus?

Warum spiele ich gerne, ich sei ein Bébé?

Warum sterben Menschen?

Ja, aber warum?

Warum?

Ich versuche, ihre Fragen möglichst aufrichtig zu beantworten. Manchmal muss ich etwas schmunzeln, manchmal nachdenken, und manchmal kenne ich die Antwort nicht.

Warum habe ich eigentlich aufgehört, selbst öfter mal nach neuen Antworten zu suchen, neugieriger zu sein auf diese Welt, in der manchmal nichts ist, wie’s scheint und unbekannte Wege sich genau da auftun, wo man doch schon hundertmal vorbei getrottet ist?

Draussen bläst ein fieser Wind.

Als ich hinausschiele, sehe ich, dass das Garagentor offensteht.

4 Gedanken zu “Alltagsschnipsel. Und die grossen Fragen.

    1. Ja, wer weiss, vielleicht! Sie hat ihre eigene Theorie. Es gäbe sie bloss im Regenwald, informierte sie mich, und sie werde sie einmal suchen gehen, wenn sie gross sei; aber dann mit ihrem Freund.
      Ja, so gehts im Leben…

      Habe gestern Fotos gesehen vom verschneiten Hamburg.

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  1. Ah, eine Forscherin also – das ist fein!!! Ich habe auch Fotos aus Hamburg im Schnee gesehen. Mein Schatz hat sie mir geschickt. Ich bin auf dem Land. Da gab es auch Schnee – ist aber schon wieder geschmolzen. Ich bin auch krank – schnief – auch ganz ’normaler‘ Schnupfen. Dann wünsche ich Dir noch schöne Flüge, Susanne

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